Kollektiv Turmstrasse: Für den Moment und die Ewigkeit

Mit “Rebellion der Träume” haben Kollektiv Turmstrasse wohl eines der besten und entspanntesten Alben abgeliefert, das die deutsche Elektrolandschaft jemals gesehen hat. Doch dabei ist es keineswegs so, dass die beiden nur ruhige, relaxte Töne beherrschen würden, wie so manch anderer Track von ihnen beweist. Daher wird es  höchste Zeit, dass von Kollektiv Turmstrasse mal wieder etwas Neues kommt.

Von Sebastian Binder  

Manchmal habe ich einfach keine Lust drauf. Auf dieses ganze Geschiebe und Gedröhne, auf diese polternden Bässe, auf diese prügelnden Kicks, auf diese Melodien, die in solchen Momenten anstatt fröhlich nur noch anstrengend klingen, auf Breaks, die statt Spannung in gereizten Augenblicken nur Anspannung produzieren.

Wenn ich hin und wieder eine solche Phase habe, schalte ich mein Telefon aus, schließe alle E-Mail-, Social-Network- und sonstige Fenster, mit denen mir Leute auf die Nerven gehen könnten und begebe mich in die Kollektiv Turmstrasse. Denn hier finde ich, was ich in solchen Momenten am dringendsten brauche: Ruhe, Entspannung, einfach mal abschalten von all der Hektik, die in der modernen Welt in jeder Sekunde um einen herum pulsiert und deren Atemlosigkeit das Innehalten quasi unmöglich macht. Wenn ich diesem wahnwitzigen Trubel entgehen möchte, dann lege ich „Rebellion der Träumer“ auf und bereits bei den ersten Klängen von „Sphäre“ merke ich, wie ein Großteil des Stress, der sich so gerne um mich herum aufbaut, von mir abfällt und stattdessen einem kollektiven Rausch der Entspannungsextase weicht. Kollektiv Turmstrasse haben mit „Rebellion der Träumer“ wohl eines der besten und interessantesten Elektro-Alben der letzten zehn Jahre abgeliefert und obwohl die Veröffentlichung bereits mehr als zwei Jahre zurückliegt, kann ich mir das Teil immer wieder anhören, denn es klingt immer noch so frisch, als wäre es gerade gestern herausgebracht worden. Alle zehn Lieder des Albums sind richtig gut, doch ein paar stechen in meiner Wahrnehmung noch heraus. Das ultra-verspulte „Schwindelig“ zum Beispiel oder das wunderschöne „Heimat“, das melancholische „Deine Distanz“ oder das verzaubernde „Goldmarie“. Wie gesagt, es gehört immer noch zu meinen absoluten Lieblingsalben, vielleicht auch aus dem Grund, weil ich eine derartige Scheibe von Kollektiv Turmstrasse gar nicht erwartet hätte.

Playlist: Kollektiv Turmstrasse on elektro-chronisten.de

Ich höre den Sound von Christian und Nico, so die Namen, die sich hinter dem Kollektiv verbergen, schon ziemlich lange und insbesondere Tracks wie „Grillen im Park“ und „Tristesse“ liefen ewig in meiner Dauerrotationsschleife. Natürlich waren auch diese Titel schon entspannter als vieles, was zu dieser Zeit durch die Clubs krachte, aber dennoch kann man diese Tracks durchaus als Bretter betrachten, die ordentlich nach vorne gehen. Wahrscheinlich rührte genau daher meine Überraschung, als ich das erste Mal „Rebellion der Träumer“ hörte, denn diese Platte war eben ganz anders als alles, was ich eigentlich erwartet hätte. Und daher ist die Selbstbeschreibung von Christian und Nico auf ihrer Facebook-Seite auf jeden Fall zutreffend: „Diese beiden sind schwer einzuordnen“, heißt es da, „Kollektiv Turmstrasse machen Musik für den Moment und für die Ewigkeit, für die Seele und den Tanzflur, für Dich und mich.“

Laut Eigenangaben gelang den beiden der Durchbruch 2009 mit ihrem Remix für Federleichts „On The Streets“, was ich zwar nie so empfunden habe, weil mir Kollektiv Turmstrasse schon deutlich früher ein Begriff war, aber wenn sie das selbst so sehen, dann wollen wir das einmal so stehen lassen. Was man dagegen nicht bezweifeln kann, ist die Tatsache, dass dieser Remix eine verdammt starke Nummer ist. Keineswegs entspannt, sondern ein ordentlicher Kracher, der die Tanzflächen der Republik im Jahr 2009 ordentlich aufgewühlt hat und auch heute noch dazu in der Lage ist. Überhaupt die Remixe, auch das ist nicht die schwächste Seite von Kollektiv Turmstrasse, wie zum Beispiel ihre Edits von Tigerskins „Response“ oder von Guy Gerbers „Timing“ beweisen. Und ihre neueren Remixe wie die Interpretationen von Till von Seins und Fritz Kalkbrenners „Blueprint“ oder von Nick Curlys „Between“ lohnen ein genaueres Anhören ebenfalls allemal.

Kollektiv Turmstrasse gibt es seit mittlerweile über zehn Jahren und dass man in diesem Zeitraum ein gewisses Feingefühl für das Auflegen bekommt, ist beinahe logisch. Und so verbreiten die beiden in Hamburg lebenden Kollektivler den Sound von der Turmstrasse hinaus in die ganze Welt. Von Holland nach Kanada, von Schweden nach Australien, von Spanien in die USA, überall dort haben Nico und Christian schon entspannende bis anschiebende Duftmarken gesetzt und jeder, der schon mal das Glück hatte, die beiden live zu erleben, weiß auch, warum sie weltweit gefragt sind.

In letzter Zeit konzentrieren sie sich zudem verstärkt auf den Support von neueren Artists auf ihrem eigenen Label, das den schönen Namen „Musik gewinnt Freunde“ trägt. Die kürzlich erschienene „Across the Borders“-EP ist eine feine Nummer geworden und hat es durchaus verdient, dass man ihr mal eine soundlastige Chance gibt.

Und so lobenswert ich die Einstellung finde, als etablierter Act noch etwas unbekanntere Künstler zu unterstützen, so sehr hoffe ich doch, dass bald von Kollektiv Turmstrasse selbst mal wieder etwas Neues kommt, am besten ein komplettes Album, das mindestens so gut ist wie sein Vorgänger. Bis es soweit ist, bleibe ich vorerst noch ein Rebell der Träume. An Tagen, an denen ich einfach keine Lust auf schrillende Telefone, blinkende Facebook-Seiten und lärmende Scheinfröhlichkeit habe. An Tagen, an denen ich mich in der Turmstrasse kollektiv zufrieden fühle…

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