Ein elektronischer Samstag

Elektronische Musik ist großartig. Nicht jeder hält diese These für richtig, aber vielleicht sollte der- oder diejenige einfach einmal die folgende Musikanweisung befolgen. Ein Tag, dem man ganz dem Elektro widmet, kann schließlich nur ein guter Tag werden. Denn wer würde nicht einmal gerne mit AKA AKA, Rene Bourgeois, Umami, Tube & Berger und all ihren Freunden eine schöne Zeit verbringen? Eine Anleitung zum Glücklichsein durch gute Musik.

Von Sebastian Binder  

Samstag, 10 Uhr, die Sonne bricht durch die Jalousien, eigentlich zu früh, um aufzustehen, doch das Wetter lädt dazu ein und mit dem richtigen Soundtrack auf den Ohren kann man auch mal auf ein, zwei Stunden Schlaf verzichten. Der Computer fährt pfeifend hoch, die Boxen signalisieren krächzend Einsatzbereitschaft und die Beschallungkann beginnen. Um den letzten Rest Müdigkeit zu vertreiben wird erst einmal Rich vom Dorf kontaktiert. Sein „Wadenschwinger“ ist genau das Richtige zum Klarkommen, besser als jede Morgengymnastik. Ab unter die Dusche und somit Zeit für ein bisschen Exotik. Das kalte Wasser prasselt einem ins Gesicht und Tube & Berger entführen mit ihrem „Slumdog Superstar“ in ferne Regionen, gefolgt von ihrem Remix von Tischbeins „Sympathie“, der noch jedem Morgenmuffel ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hat. Ab aufs Fahrrad und zum Einkaufen, Kopfhörer auf, Super Flu an und „Euterpeh“ erhöht die Trittfrequenz massiv. Um sich keine nervigen Supermarktdurchsagen anhören zu müssen („Frau Meier, Kasse vier, 27, 13, Frau Meier bitte“), schenkt man dort lieber Tomika mit „Del Cielo“ seine Aufmerksamkeit, wo der Gesang des Kinderchors deutlich mehr Sinn ergibt („Alittikopurijeki…“, oder so ähnlich). Äpfel und Birnen lassen sich zudem sehr viel besser zu Pleasurekrafts „Carny“ auswählen, doch da man ja ein höflicher Mensch ist, setzt man zumindest an der Kasse kurz die Kopfhörer ab, auch wenn es bei diesem Sound wahnsinnig schwerfällt. Hunger, Essen und was die Kreativität beim Kochen in jedem Fall steigert, ist Umamis größenwahnsinnige Hymne „All what you get“, die die Küche beinahe in eine ärmlichere Version der Staatsoper verwandelt. Wenn man schon bei Umami ist, sollte man gleich ihren Remix von Drauf und Drans „Labikke“ nachschieben und garantiert schmeckt das Essen noch einen Tick besser, ausgeprägte Kochkünste hin oder her. Sonnenbrille auf und ab in den Park, Licht tanken. The Chosen Two liefern mit „Wasted“ das Motto für den Tag, frei nach den Animals: „When I think of all the good time, that‘s been wasted having good times.“ Das Leben kann schön sein, vor allem wenn sich alle Sonnenanbeter im Takt der Musik bewegen, zum Beispiel zuAndhims „Bermudachords“. Dazu noch eine Runde „Apizaco“ von Schlachthofbronx und alle Sorgen, Ängste und Probleme scheinen mit einem Mal ganz weit weg zu sein, nur der Beat drückt in die Gedanken, nur die Melodie zeichnet Bilder, in denen keine Dunkelheit vorkommt.

Ein elektronischer Samstag zum Nachspielen (Playlist)

httpv://www.youtube.com/playlist?list=PLB5F52C4D27BC411A

Die Sonne verschwindet langsam am Horizont und es ist Zeit, in das Nachtleben der Stadt einzutauchen, friedliche, freundliche, verstörende Gestalten zu treffen, zu tanzen, trinken, taumeln, tanzen. Die Türen der U-Bahn schließen sich, die wilde Fahrt beginnt und schnell wird klar, dass man mit Tujamos „Mombasa“ in dieser Situation nichts falsch gemacht hat. Raus aus dem Untergrund, rauf an die Oberfläche, doch wohin jetzt? Vielleicht sollte manNiconé konsultieren, der mit seinem brillanten Edit des „Alabama Song“ von The Doors genau die richtige Antwort liefert: „Show me the way to the next whiskey bar.“ Der Whiskey in der Bar ist gut, der Sound ist es nicht. Pseudo-Elektro von Rihanna jagt dem echten Fan kalte Schauer über den Rücken, also lieber ausklinken und sein eigener DJ sein.Rene Bourgeois schlägt seinen Remix von Orlando und Stereo Express‘ „La vie en rose“ vor und nur zu gern leistet man seiner Aufforderung Folge: „More rum, more rum, more rum for the pirates!“ Die Nacht ist in vollem Gange, die Partygestalten flanieren über die Straßen und Tujamo & Kerkhoff haben es erkannt: „Auf geht‘s auf die Tanzfläche.“ Vorbei am grimmigen Türsteher, die Treppen hinab und rein in den Club. Aka Aka liefern die Beats und Thalstroem trompetet wie ein Irrer nebenher, doch von „Relajate“ kann keine Rede sein, stattdessen hämmert der 2011er „Woody Woodpecker“ gnadenlos in Kopf und Beine. Alle Farben und Audiofetish sind danach fast eine Entspannung, doch auch ihrer präzisen Aussage „Wir interessieren uns für Tanz“ muss der Elektrofan selbstverständlich nachkommen. Joachim Pastor legt noch einmal „33cl“ nach, doch langsam, aber sicher ist die Zeit gekommen, sich von der triefenden Tanzfläche zu verabschieden. Okay, noch eine Runde After Hour, aber dann ist wirklich Schluss. Waifs & Strays lassen mit ihrem Remix von Undersets „Berlin“ die Nacht langsam ausklingen, Andhims „Aleefee“ gibt ihr dann schließlich den Rest.

Die Sonne geht zögernd auf, zielsicher steuert man nachhause, um den Sonntag, wie jeder normale Mensch, mit einer langen Runde Schlaf zu beginnen. Und trotz des Pfeifens in den Ohren stellt sich dieser Schlaf schließlich ein. Dieser schönste Schlaf, mit einem Lächeln im Gesicht.

Foto: Berlin als deutsche Hauptstadt des Elektro

Copyright: Robert Debowski zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

Bearbeitung: Sebastian Binder

Dieser Artikel ist auch auf schattenseher.de erschienen