Bebetta: Neu, nicht neu?

„Herr Kapellmeister“ war wohl einer der Elektrokracher des Jahres. Kaum zu glauben, dass dies Bebettas erste eigene Produktion überhaupt ist. Denn die gebürtige Bremerin macht schon seit Jahren die elektronische DJ-Landschaft unsicher. Mit ihrem Kapellmeister hat sie nun auch als Produzentin aufhorchen lassen. Unterstützt von einem künstlerisch-merkwürdigen Video, ist bei Bebetta kapellmeistertechnisch alles klar. Oder doch nicht?

Von Sebastian Binder  

Zugegeben, etwas seltsam ist es schon. Passt sie überhaupt in diese Kategorie? Oder ist sie nicht schon längst ein alter (nein, so ist es nicht gemeint, nur im übertragenen Sinne) Hase in diesem Geschäft? Immerhin gehört sie schon seit Jahren zu den respektiertesten DJs (ich mag die weibliche Wortform davon nicht, klingt so nach Tarzan) des Landes. Kann man Bebetta daher als Newcomerin bezeichnen?

Man kann, wenn man sich vor Augen hält, dass erst im Jahr 2012 ihr erste eigene Produktion erschienen ist. Diese hatte es dafür in sich. Kaum ein DJ, der etwas auf sich hält, kam in diesem Jahr drum herum, „Herr Kapellmeister“ zu spielen. Vier Töne aus einer Tuba reichen aus, um den Club zum Kochen zu bringen, vier Töne, die sich düster, unheilverbreitend in die Gehörgänge der Crowd schleichen. Dann die ebenso präzise wie einleuchtende Aussage: „Einen Moment, Herr Kapellmeister, das war noch nicht klar!“ Laut Eigenangaben von irgendeiner verstaubten Von-wann-war-sie-wohl-Platte gesampelt, zieht sie den Hörer kurz zurück in die dunklen Ägiden der 20er oder 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, ein operettenhaft gehaltener Ton, dann die Erlösung: „Das war klar!“. Und der einsetzende Beat walzt mit Macht alles nieder, was die Unverschämtheit besitzen könnte, sich ihm in den Weg zu stellen.

Bebetta hat mit ihrer ersten eigenen Produktion ein wahres Monster erschaffen, ein frankensteinsches Ungetüm des Techno, das, einmal über den Mixer zum elektronischen Leben erweckt, eine nicht aufzuhaltende Eigendynamik entwickelt, der man sich kaum entziehen kann. Auch das Video zum Track trägt viel zu diesem Bild bei. Ein grauer, nebliger, verwunschener Wald, in dem Bebetta und ihr Kapellmeister-Alter-Ego in einer merkwürdigen Marschkapellenuniform durch die Gegend flanieren und die Instrumente eine seltsam kontrastreiche Staffage bieten. Dann der Schnitt, Bebetta inmitten eines Dorfumzugs von einem lokalen Schützenverein (?) und man kann in den Gesichtern der Zuschauer förmlich die Frage ablesen: „Wer ist dieses komische Mädchen, das plötzlich unseren Traditionsumzug anführt? Und warum um alles in der Welt hat sie sich einen Schnauzbart ins Gesicht geklebt?“ Man kann davon ausgehen, dass den meisten Leuten bei dieser Veranstaltung der Name Bebetta eher kein Begriff ist und dass sie „Herr Kapellmeister“ trotz der traditionellen Bläserunterstützung eher weniger feiern. Eigentlich wartet man nur darauf, dass gleich die Polizei auftaucht und Bebetta wegführt, mit den standardisierten Fragen auf den Lippen: „So, junge Frau, dann kommen Sie doch mal mit. Ausweis dabei? Haben Sie irgendetwas genommen, von dem wir wissen sollten?“ So weit kam es augenscheinlich nicht, obwohl, wenn es so gekommen wäre, dann könnte man dazu auch nur sagen: „Das war klar.“

Also, unter dem Produzentenaspekt ist Bebetta eine Newcomerin, sicherlich nicht die schlechteste, die die deutsche Elektrowelt derzeit zu bieten hat. Das beweisen auch ihre Remixe für Rich vom Dorfs „Everything Is Much Nicer At The Weekend“ oder Klangwelt 3000s „Ratze Batz“. Und auch ihre neue Produktion, die sie kürzlich auf Soundcloud veröffentlicht hat und die den Titel „Lucky Child“ trägt, ist nicht von schlechten Eltern, um einmal im Sprachmuster zu bleiben. Mittlerweile nimmt die gebürtige Bremerin auch Klavier- und Querflötenunterricht, um ihr Produktionslevel anzuheben. Das ist zwar bei ihrem derzeitigen Niveau bereits keine notwendige Voraussetzung mehr, aber schaden kann es sicherlich auch nicht, denn wer weiß, zu welchen Tracks Bebetta mit dieser musikalischen Weiterbildung zukünftig imstande ist.

Wie gesagt, produktionstechnisch Newcomerin, aber als DJ ist Bebetta ebenso gefragt wie etabliert. Sie ist Vinyljunkie, spielt also ausschließlich Platten und dabei fast immer neue Sachen, wie sie im Interview mit Faze.tv verrät. Auch auf den großen Festivals ist sie am Start. Besonders ihr zusammen mit Le Palf auf der Fusion 2012 aufgelegtes Set lohnt das Anhören allemal, wenn man sich einen Eindruck von Bebettas Soundmischer-Skills verschaffen will. Zudem betreibt sie auf Play.fm ihre monatliche Show mit dem Titel „Straight Night Radio“, die ebenfalls das Einschalten oder besser: Einklicken lohnt. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass man von Anika Zeising auch in Zukunft eine Menge um die Ohren geschlagen bekommt. Wer Anika Zeising ist? Also bitte. „Ich hoffe natürlich, dass ich dann noch immer viel als DJ unterwegs bin und bis dahin die Arbeiten im Studio leichter von der Hand gehen werden. Produzieren braucht auf jeden Fall seine Zeit und es gibt wahnsinnig viel zu lernen“, sagt die mittlerweile in Frankfurt lebende Künstlerin gegenüber sceen.fm über ihre Zukunftspläne. Apropos Künstlerin: Bebetta ist auch eine talentierte Zeichnerin, wie man am von ihr selbst gestalteten Plattencover von „Herr Kapellmeister“ sehen kann. An ihr ist also eine vielversprechende Kunstdozentin verloren gegangen. Aber als Fan elektronischer Musik kann man nur froh sein, dass Bebetta ihr Hauptaugenmerk momentan auf die Klangproduktion und -mischung legt. Denn ansonsten müsste man wohl ernsthaft intervenieren. Aber mit diesem Satz würde das sicher funktionieren: „Einen Moment, Frau Kapellmeister, das war noch nicht alles, klar?“  

Fotos: Bebetta (von Ina Peters)

2 Gedanken zu „Bebetta: Neu, nicht neu?

  1. Dieser Text hat es in sich und ist klar Strukturiert, selbst ich habe es mir nicht nehmen lassen diese Platte von Bebetta „Herr Kapellmeister“ mir zu besorgen so bald sie im Laden zur Verfügung stand. Ein Hoch auf Bebetta, und das noch weitere kracher von Ihr kommen und die DJ Welt begeistern. 🙂

    • Zunächst einmal freut es mich, dass Dir der Text gefällt. Und übrigens: Das ist der erste (und hoffentlich nicht der letzte) Kommentar auf meiner neuen Seite, also herzlich Glückwunsch 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


− 2 = sechs