Umami: Die Songwriter

Zwei Jungs aus Berlin haben es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Techno-Tracks, sondern tatsächlich Techno-Songs zu komponieren. Seit gut zwei Jahren haben Umami einige hörenswerte Nummern in die deutsche Elektrolandschaft eingestreut und bei so mancher dieser Nummern glaubt man tatsächlich, den Unterschied zwischen „Track“ und „Song“ zu verstehen. Über Geschmack lässt sich manchmal eben doch nicht streiten.

Von Sebastian Binder  

Wie bezeichnet man eine der Grundqualitäten des Geschmackssinns, hervorgerufen durch Glutamate, darunter auch Mononatriumglutamat? Keine Ahnung? Ist doch klar: Umami. Weiter heißt es bei der allwissenden Wikipedia: „Umami verstärkt bestimmte Geschmacksrichtungen in ihrer Intensität, ist jedoch auch in der Lage, mögliche Geschmacksfehler von Lebensmitteln zu überlagern und zu korrigieren.“ Wenn man sich diesen Teil der Definition in den Kopf ruft, dann haben Robert und Sam den Namen ihrer Band gar nicht schlecht gewählt. Und man muss nicht bei Wikipedia nachsehen, um zu wissen, wie dieser Name lautet. Denn auch in der Welt der elektronisch-verwirrenden Technoklänge steht Umami mittlerweile für intensiven, grundsätzlich qualitativen Sound, der sich keinerlei Geschmacksfehler leistet, sondern, ganz auf Umami-Art, sogar dazu in der Lage ist, die Geschmacksfehler anderer zu überlagern.

Dabei war der Weg von Umami in die erste Liga der hiesigen Elektroproduzenten nicht zwangsläufig vorgezeichnet. Robert verdingte sich früher als Produzent und Keyboarder in einer von Depeche Mode inspirierten Elektro-Live-Band, Sam war als Sänger und Gitarrist in diversen Jazz- und Rockbands unterwegs. In der Biografie auf ihrer Facebook-Seite geben sie sich bescheiden, werfen die Frage auf, ob Umami überhaupt etwas zur diversifizierten und kreativen Elektroszene beitragen könnten. Um dann selbst die Antwort zu geben: Überraschenderweise konnten sie das. Was heißt bitte „überraschenderweise“? Wer den Sound von Umami kennt, weiß, dass hier zwei Könner am Start sind. Ihr Sound hält jede Menge Überraschungen bereit, ja. Aber ist es überraschend, dass Umami einige hervorragende Beiträge zur elektronischen Geschichte beigetragen haben? Nein.

Bereits ihr erstes Vinyl-Release „Ich & Du“ zusammen mit AKA AKA zeigte überdeutlich, dass Umami in der Techno-Szene alles andere als überflüssig sind. Qualität lässt sich nur durch hohe Ansprüche kreieren und hier sind Umami nun wirklich nicht bescheiden: „Wir wollen nicht einfach nur einen dröhnenden Techhouse-Chord oder ein paar Percussion-Rolls komponieren, die sich dann in den nächsten zwanzig Jahren nicht verändern. Es geht uns auch nicht darum, lediglich ein paar Swing- oder Trompeten-Samples über einen House-Beat zu legen.“ Der Anspruch sei ein anderer: „Wir wollen Techno-Songs komponieren. Keine Tracks, sondern Songs!“ Nun kann man darüber streiten, ob es tatsächlich eine wissenschaftlich anerkannte Unterscheidung in den Definitionen von „Tracks“ und „Songs“ gibt. Aber vielleicht begreift man, was Umami mit dieser Unterscheidung ausdrücken wollen, wenn man sich ihre größenwahnsinnige Hymne „All What You Get“ anhört, deren orchestrale wie minimalistische Elemente eine äußerst interessante Symbiose eingehen und von der man tatsächlich behaupten könnte, dass es sich hier um einen Song und nicht um einen Track handelt. „All What You Get“ ist dabei Teil der ersten Solo EP „Conquer The Night“, die Umami 2011 auf AKA AKAs Burlesque-Musique-Label veröffentlichten und deren nicht gerade zurückhaltender Anspruch durchaus Programm ist. Auch der titelgebende Track, pardon, Song hat es in sich und beweist, Männer-Gesang und Tech-House-Beats schließen sich nicht von vornherein gegenseitig aus, sondern können im Gegenteil hin und wieder sogar zu richtig anschiebenden Nummern verschmolzen werden. Das demonstrieren auch die anderen beiden Songs der EP „Sunshine And Godzilla“ und „Kukukuku“. Ebenfalls 2011 kollaborierten Umami erneut mit AKA AKA und steuerten auf deren „Varieté“-Album den äußerst tanzbaren Titel „What Matters“ bei. Im Jahr 2012 warfen Sam und Robert den ziemlich starken Track (ja, ausnahmsweise, damit man nicht die ganze Zeit „Song“ schreibt) „We Don‘t Need Words“ auf den Markt, der vor allem durch das Zusammenspiel von weiblichem und männlichem Gesang, gepaart mit einer verwirrenden Soundstruktur, für gute Laune sorgt.

Auch mit ihren Remixen haben Umami in den letzten zwei Jahren aufhorchen lassen und aus so manch bearbeitetem Track richtig gute Songs werden lassen. Ihr vielleicht bester Remix ist dabei Niconés „Hanaetano“. Die verrückte Mischung aus Bläsern, orchestralen Streichern, einer melancholisch-altmodischen Gesangsstimme, die irgendwann in eine elektronische Swing-Richtung abdriftet, gehört immer noch zu den komplexesten Nummern, die im Elektrodeutschland der jüngeren Vergangenheit komponiert worden sind. Dass Umami auch keine Angst davor haben, Klassiker der Musikgeschichte anzufassen und sie in ein neues elektronisches Gewand zu pressen, haben sie mit ihrer Neuversion von Jefferson Airplanes Psychohymne „White Rabbit“ gezeigt. Versuche, Klassiker elektronisch aufzuarbeiten, sind in der Vergangenheit nicht nur einmal gescheitert. Doch Umami haben bewiesen, dass es auch anders geht. Was wohl Grace Slick zu diesem Song sagen würde? Man kann sich vorstellen, dass er ihr gefallen würde, selbst ohne halluzinogene Hilfsmittel. Doch auch die neueren Remixe von Umami können sich hören lassen. Allen Freunden gepflegter elektronischer Klangkunst sei beispielsweise Umamis Version von Alle Farbens malerischem „Fischmarkt“ ans Herz gelegt.

An den Decks, die die Welt bedeuten, haben Umami ein ganz besonderes Schmankerl, wie es in gewissen Bundesländern heißt, zu bieten, das man in der hiesigen DJ-Elektrolandschaft so eher selten findet: Denn Umami sind bei Auftritten mit einem 40er-Jahre-Oldschool-Mikrofon ausgestattet, mit dem dann in einer Art Psycho-Beat-Karaoke-Nummer über die pumpenden Klänge aus dem Rechner gesungen wird. Warum nicht? Sam und Robert lassen so manches deutsche Casting-Sternchen auch in dieser Hinsicht ziemlich alt aussehen. Also, singt weiter, was das Zeug hält!

Aber darüber muss man sich wahrscheinlich ohnehin keine Sorgen machen, denn Umami werden sicherlich im Jahr 2013 von sich hören lassen. Schließlich muss der musikalische Elektrogeschmack weiterhin verstärkt werden. Ein bisschen Würze mit zitternden Bässen, drückenden Kicks und Claps, ein paar orchestral-minimalistischen Samples und einem wohldosierten Gesang können da sicher nicht schaden. Also, auf zum nächsten Umami-Händler…