Mollono.Bass: Aus dem Tiefdruckgebiet

Basslastigkeit ist stets ein wichtiger Bestandteil eines guten Elektro-Lieds. Kaum jemand beherrscht dabei das Spielen mit dem Tiefenelement der Elektrokunst so gut wie Mollono.Bass. Nicht nur seine Remixe sind vom Allerfeinsten, auch seine eigenen Kompositionen sind mehr als anhörbar. Ein besonders großer Wurf ist ihm dabei mit seinem neuen Projekt mit Ava Asante gelungen. Denn könnte diese Stimme lügen?

Von Sebastian Binder  

Was ist die entscheidende Komponente eines guten Elektroliedes? Der Beat? Dieses Stampfen, diese Mischung aus Kicks, Claps, Hi-Hats und Bongos? Vielleicht. Oder ist es doch die Melodie, das Rollen der Noten, die sich über den Beat schlängeln und zeigen, ob der Produzent sein Handwerk versteht oder eben nicht. Ist es womöglich der Gesang, der dem Lied eine Aussage verleiht, der eine Richtung vorgibt und dem Zuhörer willkürlich oder unbewusst diktiert, wie er einen Track zu verstehen hat? Das alles klingt mehr oder weniger einleuchtend, aber viele Elektrofans werden behaupten, dass der entscheidende Zusatz eines elektronischen Liedes etwas anderes ist: Der Bass. Dieses finstere Wummern, das sich tief in die Magengegend frisst, das das Trommelfell nach innen drückt, das Glas in der Hand im Jurassic-Park-Style erzittern lässt und die Beine zu epileptischen Anfällen zwingt. Dabei ist es egal, ob man nun im Zimmer sitzt, im Auto fährt oder im Club zappelt, wenn der Bass dank den richtigen Boxen zu drücken anfängt, dann kann es passieren, dass man die anderen Komponenten eines Liedes vergisst und man sich nur noch auf das tiefenseufzende Krachen konzentriert und man dabei im Rausch des Dumpfen versinkt. Man sollte sich daher einmal mit einem Künstler der elektronischen Musikwelt beschäftigen, der das Basshandwerk besser beherrscht als die meisten anderen, wie bereits sein Name unverblümt andeutet.

Mollono.Bass gehört wohl zu den respektiertesten Produzenten der deutschen Elektrowelt und sein gigantischer Fundus an Tracks lässt auch erahnen, warum das so ist. Bereits um die Jahrtausendwende sorgte er erstmals für Furore als Mitglied des heute fast schon legendären Kombinat-100-Quartetts. Seitdem ist Molle, so sein Spitzenname, nicht mehr aus der Elektrolandschaft wegzudenken. Lesern von elektro-chronisten.de wird aufgefallen sein, dass bei der Vorstellung von Künstlern normalerweise erst eigene Produktionen und dann die Remixe besprochen werden. Im Fall von Mollono.Bass wollen wir diese Struktur einmal aufbrechen und mit den basslastigen Edits anfangen, denn schließlich ist Mollono.Bass, ohne dabei einschleimend klingen zu wollen, einer der besten Remixer des Landes. Nun könnte man einen halben Roman schreiben, wenn man an dieser Stelle alle Remixe aufzählen wollte, die Mollono.Bass in seinem Produzenten-Leben schon auf den Markt geworfen hat. Generell sei gesagt, dass man mit dem Mollono.Bass Remix eines Liedes in den seltensten Fällen etwas verkehrt macht. Ich kenne jedenfalls verdammt wenige Leute, die zu mir gesagt haben: „Oh nein, jetzt habe ich mir das Mollono.Bass Edit angehört, was für eine Zeitverschwendung.“ Und sollte das doch mal jemand sagen, so lautet meine Antwort in der Regel darauf stets: „Ah, Du scheinst wirklich große Ahnung von elektronischer Musik zu haben, daher schätze und respektiere ich Deine Meinung außerordentlich. Bitte lass‘ mich weiter an Deinen Weisheiten teilhaben.“

Aber egal, worauf wollte ich hinaus? Richtig, Remixe. Als Einstieg in die Welt der Mollono.Bass Edits empfiehlt sich eigentlich stets seine Version von René Bourgeois „Philharmonie“. Als Original schon ein richtig edles Teil, wird es durch den basslastigen Mollono-Einschlag noch eine ganze Stufe antreibender und eignet sich immer dazu, wenn man irgendwelchen Schlaumeiern demonstrieren will, dass elektronische Musik aus mehr besteht als aus drei Tönen, die in verschiedener Reihenfolge über einen Beat gelegt werden. Ebenfalls eine klasse Nummer ist der Mollono.Bass Remix von Lake Peoples „The Silent Dancer“ oder von Oliver Schories‘ „Wildfang“. Wahrscheinlich ist Mollono.Bass‘ Fähigkeit, Lieder neu zu editieren, auch der Grund dafür, warum er über 3000° Records ein komplettes Remix-Album veröffentlicht, das wahrscheinlich zu den interessantesten Scheiben des Jahres gehören könnte. Denn neben den üblichen Verdächtigen wie Stereo Express, Monkey Safari oder Schäufler & Zovsky remixed Molle hier auch ein paar Artists, die möglicherweise nicht jedem bekannt sind. Wie das türkische Duo Fuji Kureta oder die Berliner Elektrosongwriter Pupkulies & Rebecca. Der abgefahrenste Remix auf dem Album, neben dem fantastischen „Quetschkommode“ von Dole & Kom, ist vielleicht dennoch seine Version von Robot Needs Oils „Ganja Tune“. Wie gesagt, diese Remix-Collection kann man von A nach Z durchlaufen lassen und man wird in keiner Sekunde das Bedürfnis haben auf „weiter“ zu drücken. So viel also zu den Remixen.

Denn diese lobhudelnde Aufzählung soll nicht bedeuten, dass Mollono.Bass es nicht auf die Reihe bekommt, eigene Tracks zu produzieren. Ganz und gar nicht. Schon seine älteren Sachen wie „Tanzt Freunde“, „Brummelhorn“ oder „Babulka“ schieben in eine sehr erfreuliche Richtung an. Aber auch sein neuestes Projekt zusammen mit Ava Asante lohnt nicht nur ein einmaliges Reinhören. Bereits der erste gemeinsame Track „Der Traumtänzer“ ist ein Monster von einem Lied. Das „mecklenburgische Tiefdruckgebiet“ Mollono.Bass trifft mit seinen Beats auf die ghanaisch-stämmige Asante, die für den Track unter anderem die äußerst edle Geigenmelodie beisteuert. Heraus kommt ein Lied, das auch nach dem zehnten Anhören alles andere als langweilig ist. Auch nach dem zwanzigsten übrigens nicht, ich spreche aus Erfahrung.

Ein Ereignis sind daher auch die Live-Auftritte, die Molle mit Asante abfeiert. Ein Must-See ist zum Beispiel ihr Auftritt im Ritter Butzke im Oktober 2012 (9. Video in der Playlist). Ohne Dir zu nahe treten zu wollen, Molle (Du machst Deine Sache an den Decks wirklich gut), aber wenn man zum ersten Mal den Gesang von Ava Asante hört, dann denkt man sofort zwei Dinge. Erstens: „Was für eine Stimme, unglaublich.“ Und zweitens: „Was auch immer ich an diesem Abend gemacht habe, es war definitiv ein Fehler, nicht ins Ritter Butzke zu gehen.“ Wenn man sich dieses Video angeschaut hat, dann kann man nur hoffen, dass demnächst mehr von den beiden zu hören sein wird. Denn Mollono-Bass-Beats kombiniert mit dieser Stimme, kann da eigentlich etwas schiefgehen? Mit Sicherheit nicht. Hm, wenn ich so darüber nachdenke, möglicherweise dreht sich bei elektronischer Musik doch nicht immer alles um den Bass…