That’s not my name!

Wenn in der elektronischen Musikszene gerne über etwas gestritten wird, dann ist es weniger der Sound an sich, sondern die Frage, wie ein Lied, ein Künstler korrekt zu kategorisieren ist. Es wird nicht dadurch einfacher, dass es mittlerweile eine unüberschaubare Anzahl an Schubladen gibt, in die man diese Musik heute stecken kann. Brauchen wir all diese Kategorien tatsächlich oder würde nicht ein Label ausreichen: Gute Musik?

Von Sebastian Binder  

Wir Deutschen sind ein Volk, das sich in der weltweiten Wahrnehmung gerne Klischees und Stereotypen ausgesetzt sieht. Wenn wir in ausländischen Serien und Filmen dargestellt werden, tauchen wir bevorzugt als Lederhosen-tragende, Eisbein und Bratwurst essende, Bier aus großen Krügen trinkende Halbidioten auf, die fröhlich saufend mit Marianne und Michael gen Alpen schunkeln. Das zweite und möglicherweise treffendere Bild, das von den Deutschen im Ausland gezeichnet wird, ist das des deutschen Beamten. Der deutsche Beamte ist fleißig, korrekt, immer pünktlich und so spontan und aufregend wie eine weiße Wand. Sein herausstechendstes Merkmal ist dabei seine Fähigkeit zu kategorisieren. Aktenordner sind sein bester Freund und diese Ordner verwahrt er in einem ausgeklügelten System in numerisch-alphabetischer Reihenfolge, damit er ja alles genau in der Schublade findet, in die er es auch hineingesteckt hat.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass dieser beamteske Zwang, alles kategorisieren zu müssen, auch in der elektronischen Musik allgegenwärtig ist. Und stopp! Denn genau hier sind wir schon beim Problem angekommen. Ist es korrekt, dass ich beim Schreiben bevorzugt den Begriff „Elektro“ in diversen Abwandlungen verwende? Ja und nein. Ich benutze diesen Begriff aus zwei Gründen: Der erste Grund klingt in der Einleitung dieses Textes bereits an: Ich hasse Schubladendenken. Warum haben wir Menschen nur das Bedürfnis, alles einordnen, alles in Kategorien stecken zu müssen? Sind uns die Dinge dann vertrauter, sind sie leichter verständlich, fühlen wir uns auf seltsame Art und Weise erhaben, wenn wir sagen können: Diese Sache gehört hundertprozentig in die Schublade XY? Das Problem im elektronischen Musikbereich ist nämlich, dass es eine gefühlte Million Schubladen gibt, in die sich Lieder und Künstler einordnen lassen, und derjenige, der diese jetzt auf Anhieb aus dem Kopf aufzählen kann, sollte sich definitiv bei „Wetten, dass…“ bewerben. Kostprobe gefällig? Bitte: Tech House, Afro House, Acid House, Tribal House, Garage House, Funky House, Deep House, Detroit Techno, Dub-Techno, Minimal Techno, Goa, Schranz, Trance, Dance, Rave, Progressive Techno, Progressive House, Progressive Trance, Gabber, Speedcore, Hardcore, Hard House. Allein beim Lesen dieser Aufzählung wird man meiner Meinung nach schon verrückt und sie ist nur ein kleiner Auszug von Genres, Unter-Genres und Neben-Unter-Genres, die als Bezeichnungen in der elektronischen Musikwelt kursieren. Gefühlt werden zudem jede Woche mindestens zwei neue Bezeichnungen erfunden, die dann wiederum einen ganz speziellen Stil charakterisieren und zu dem es dann in absehbarer Zeit wieder Unterkategorien gibt, wenn dieser „neue“ Stil mit „alten“ Stilen gekreuzt wird. Um das nicht falsch zu verstehen: Natürlich ist es manchmal zwingend notwendig, eines dieser Schlagworte herauszuhauen, um nicht völlig in der Beliebigkeit unterzugehen. Auch ich komme nicht darum herum, denn nicht immer funktionieren Umschreibungen und bevor man „Er produziert elektronische Musik, die er mit beschwingten Elementen aus der Reed- und Holzsektion, aus der Brass- und Blechsektion, sowie mit Einflüssen aus der Rhythmus-Gruppe kombiniert“ schreibt, sagt man der Einfachheit halber eben „Er produziert Electroswing“. Nur ist es manchmal meiner Ansicht nach nicht derart offensichtlich, aus welcher elektronischen Schublade der Wind gerade herausweht.

Wenn ich mir Kommentare auf YouTube oder Facebook zu gewissen Liedern durchlese, dann habe ich nicht selten den Smash-Hit von den Ting Tings mit leicht abgewandeltem Text im Hinterkopf: „They call me House, They call me Techno, They call me Dub, They call me Schranz. That‘s not my name! That‘s not my name! That‘s not my name! That‘s not my NA-HAME!“ Eigentlich könnte das ja egal sein, wenn es in diesem Zusammenhang nicht immer wieder zu erbitterten, beleidigenden Diskussionen kommen würde. Manchmal habe ich den Eindruck, als würden sich die Kontrahenten nur zu gerne die Köpfe einschlagen, wenn sie sich nun in der Realität gegenüber stehen würden, und zwar einzig und allein wegen der Frage, ob dieses Lied nun eher in die Tech House-Sektion oder doch eher in die Minimal Techno-Kategorie gesteckt werden muss. Das Paradoxe ist dabei meistens, dass beide Diskutanten das Lied an sich super finden, zum Streit kommt es einzig und allein wegen der vermeintlich korrekten Einordnung.

Playlist: Elektro? on elektro-chronisten.de

Und genau das ist es, was mich an dieser Kategorisierungsgeschichte am meisten nervt: Anstatt gute Musik gemeinsam genießen zu können, entbrennt darüber ein Streit, wie man diese Musik nun richtigerweise bezeichnet. Genau diese Form von Auseinandersetzungen wollte ich auf meiner Seite vermeiden und daher suchte ich nach einem Begriff, der zwar einerseits die musikalische Richtung vorgibt, doch andererseits so allgemein gehalten ist, dass sich die meisten Leuten mit ihm arrangieren können. Ich stellte mir also eine einfache Frage: „Wie würde jemand die Musik von René Bourgeois, Alle Farben oder Bebetta bezeichnen, der sie zum ersten Mal im Club hört und dem diese zigtausenden verschiedenen Kategorien unbekannt sind?“ Ich kam auf die Bezeichnung „Elektronische Tanzmusik“ und als ich mir bei Wikipedia die Definition dazu durchlas, wusste ich, dass ich meinen Begriff gefunden hatte: „Als elektronische Tanzmusik bezeichnet man eine Fülle von tanzbaren Musikstilen, die sich elektronischer Instrumente wie Synthesizer und Sampler sowie seit den 1990er Jahren auch Native Processing (softwarebasierte Musikerzeugung in Form von Softwaresynthesizern und Softwaresamplern) bedienen. Im Allgemeinen sind alle Klänge bis auf die Gesangsstimmen synthetisch erzeugt, nicht selten werden allerdings nichtelektronische Instrumente in Form von Samples ins Arrangement eingebaut.“ Das ist es doch, genau das ist die Musik, über die hier schreibe, dachte ich. Da „elektronische Tanzmusik“ als Begriff allerdings schnell schal wird, wenn man ihn fünf- bis zehnmal in einem Text verwendet, und er zudem einen Hauch von Schlagermuff verströmt, habe ich mir die künstlerische Freiheit herausgenommen, ihn als „Elektro“ mit diversen Abwandlungen abzukürzen. Wissend, dass „Electro“ (normalerweise mit „c“ geschrieben) eigentlich wieder eine Unterkategorie der elektronischen Tanzmusik ist, die ursprünglich wohl auf die deutsche Band Kraftwerk zurückgeht. Aber wir wollen hier mal nicht päpstlicher als der weltbekannte Bürokratenmichel sein.

Doch eigentlich sollte das alles überhaupt keine Rolle spielen, denn der tatsächlich treffende Titel für meine Website wäre „Verdammt-gute-Musik-wie-ich-finde-Chronisten.de“. Denn nur darum geht es mir letztendlich: Ich will über gute Musik schreiben, die mir gefällt und vielleicht interessiert es ja ein paar Leute. Es ist reiner Zufall, dass diese Musik nun einmal aus der elektronischen Tanzmusik-Richtung kommt. Hätte ich lange Haare und eine Vorliebe fürs Headbangen würde ich wahrscheinlich über Metal schreiben. Ich meine, Trash Metal. Black Metal, Glam Metal, Power Metal, nein, Speed Metal, Progressive Metal, Gothic Metal, ich meine…

Hm, vielleicht sind wir nicht die einzige Musikrichtung, die ein beamteskes Überkategorisierungsproblem hat…

Foto: The Ting Tings, elektronisch nachbearbeitet

Copyright: Bunmun, zur Verfügung gestellt auf Wikimedia (CC-Lizenz)

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