M.in: Maximaler Soundausstoß

Es gibt wohl nicht so viele Schaffende in der deutschen Elektrowelt, die binnen so kurzer Zeit einen derart gewaltigen Soundkatalog kreiert haben wie M.in. Dabei lässt dieser Name erst einmal vermuten, dass der Frankfurter eine eher minimalistische Arbeitsweise an den Tag legt. Doch das trifft weder auf die Klangstruktur und schon gar nicht auf die Anzahl seiner Eigenkompositionen zu. Wie nähert man sich M.in daher am besten? Vielleicht so.

Von Sebastian Binder  

Namen. Vor allem in der Musik wecken sie sofort eine gewisse Erwartungshaltung an den Sound. Nennt sich eine Band „Die lustigen Alpenschunkler“, dann kann man fröhliche Oden an die Natur und die Liebe schon beinahe fühlen, ohne auch nur einen Ton von ihrer Musik gehört zu haben. Heißt die Band hingegen die „Die bluttrinkenden Satansanbeter“, fängt man schon vor dem ersten Klick auf das Video zu zittern an aufgrund des erwartbaren Geschreis und der vier Oktaven tiefer gestimmten Gitarren. Und auch bei der „Gangsterverbrechersyndikatsposse“ kann man die schimpfworttriefenden Reime über den harten Ghettoalltag in Deutschland ebenfalls erahnen.

Aber übertragen wir dieses Gedankenspiel mal auf die elektronische Tanzmusik: Was erwarten wir, wenn sich ein Künstler M.in nennt? Minimalistischen Sound im Stil eines Ricardo Villalobos? Vielleicht, aber im Fall von M.in ist diese Annahme falsch, denn „tatsächlich ist seine Musik weit vom Minimal entfernt“, wie es in seiner Biographie heißt: „Die einzig minimalistische Komponente an ihr ist sein Credo, dass ein Track immer vom Groove getragen sein muss.“ Warum dann aber der Name M.in? Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei nur um die Abkürzung seines richtigen Namens M(arkus).(Ferd)in(and) handelt und aus dieser Perspektive scheint der Künstlername gar nicht schlecht gewählt, zumindest besser als Gangsterverbrechersyndikatsposse. Aber genug über Namen spekuliert, kommen wir zum eigentlichen Thema: M.ins Sound.

Playlist: M.in on elektro-chronisten.de

Und hier wird bereits nach dem Hören der ersten Tracks klar, dass diese Musik nichts mit Kick-Clap-Hat-Zweigeräusche-Minimal zu tun hat. Es ist schwer zu sagen, womit man sich dem Sound M.ins am besten nähert, da der Frankfurter mittlerweile eine Vielzahl an Tracks produziert hat, die eigentlich alle mehr als anhörbar sind. Starten wir daher mit einer etwas älteren Nummer, mit der sich M.in im Jahr 2010 einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt hat: „Sing And Blow At The Same Time“. Ein ziemlich abgefahrener Track, der bereits viele verschiedene Einflüsse aus der Weltmusik kombiniert: Afrikanisch angehaucht, mit Jazzelementen verfeinert und von einem schmutzigen Beat der guten, alten Frankfurter Schule angetrieben. So macht elektronische Musik Spaß. Das scheint auch M.in selbst so zu sehen, denn in der Folge releaste er Track um Track, wie schon erwähnt, es würde den Rahmen dieses Textes sprengen, wenn man nun alle aufzählen würde. Doch wer sich ein soundverziertes Gemälde von M.in aus den Boxen an die nachbarschaftlichen Wände malen möchte, dem seien aus der früheren Phase seines Schaffens „Lord Teach Me House“, „Cruzando“ oder das superfunkige „Give It Up“ empfohlen. Doch auch seine neueren Sachen wie „Sunshine“ oder „Jesus Hates“ sind für eine kurze Gehörgangskostprobe durchaus geeignet. Wenn man einen derart gewaltigen Output hat wie M.in, dann ist es nur folgerichtig, dass man irgendwann einmal ein ganzes Album herausbringt. M.in hat sich dieses Projekts zusammen mit Chriss Vogt angenommen und den beiden ist hier durchaus eine ansehnliche Geschichte gelungen. Eigentlich kann man das „A Matter Of Taste“ betitelte Stück stressfrei von A nach Z durchlaufen lassen, als Highlights eignen sich vielleicht dennoch das verspulte „(T)Raumstation“, das äußerst nach vorne gehende „With N Egg“ oder das etwas nachdenklichere „All People“. Überhaupt scheint M.in bei der Zusammenarbeit mit anderen Leuten gut zu funktionieren. Seine Kollabos mit Gunman, Safado oder Muovo lohnen ein ausgedehntes Anspielen in jedem Fall. Was selbstverständlich auch für seine beste Kollaboartion gilt: „My Hands Are Closed“, mit Mr. Pong produziert und vielen Elektrofans wahrscheinlich durch den ebenso genialen Remix von Dan Caster und René Bourgeois bekannt.

 

Zudem ist M.in anscheinend ein äußerst spendierfreudiger Mensch und so lohnt sich für jede Person, deren Geldbeutel hin und wieder das Gütesiegel „Gähnende Leere“ trägt, ein Besuch auf M.ins Soundcloud-Account. Hier gibt es feine Remixe etwa von Hot Chips „Night & Day“ oder von John Newmans „Cheating“ für lau. Ein besonderes Highlight der Kostenlos-aber-nicht-umsonst-Sparte ist dabei sein mit Gunman produziertes Edit von „Freedom“ aus dem Django Unchained Soundtrack. Überhaupt seine Remixe, auch auf diesem Gebiet hat er schon jede Menge feine Neuinterpretationen unter die Leute gebracht. Zuerst zu nennen ist dabei womöglich seine Neuabmischung von Basti Grubs „El Gitarro“, welche M.ins Motto nochmal ganz gut auf den Punkt bringt: „Jeder Track braucht als erstes einen Vibe.“ Nun, wer hätte gedacht, dass es so einfach ist. Diese an sich simple Idee findet sich auch bei anderen Remixen von ihm: Etwa bei Marquez Ills „Sparks Fly“ oder bei WastedPeoples featuring Joseph Marciel „She’s Playing Hard To Get“. Der Vibe drückt hier aus sämtlichen Poren der Songs und, wie gesagt, die Idee ist simpel, aber jeder, der sich ein wenig mit Musikproduktion auskennt, weiß, dass dahinter eine Menge Arbeit und vor allem Talent steckt.

Genau diese Mischung aus Talent und Arbeit macht sich auch in M.ins Sets bemerkbar, mal treibend, mal entspannt, mal durchbrechend, dann wieder zurückhaltend. Im Prinzip wird jeder Freund der elektronischen Tanzmusik bei M.ins gut abgeschmeckten Mischereien auf seine Kosten kommen, so viel sei garantiert, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Wer also keine Lust auf das Gejodel der fröhlichen Alpenschunkler hat, die bluttrinkenden Satansanbeter eher nervtötend denn inspirierend findet und wer das vielleicht etwas merkwürdige Drogen-verkaufen-mit-Messer-im-Anschlag-Gepose der Gangsterverbrechersyndikatsposse eher für vorpubertäres Aufmerksamkeitsgieren hält, dem sei der Sound von M.in ganz unverbindlich ans Herz gelegt.

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