„Ich bin ein Suchender“

Man kann Benn Finn definitiv nicht vorwerfen, dass er unproduktiv ist. Ob als Musiker, DJ oder Labelchef, Finn tanzt auf einer Menge Hochzeiten und dass er dennoch stets qualitativ hochwertigen Sound abliefert, ist ihm unter diesem Gesichtspunkt umso höher anzurechnen. Im Interview mit elektro-chronisten.de spricht er über seine musikalischen Anfänge, die Arbeit im Studio und was es mit seiner Suche nach Sound eigentlich auf sich hat.

Von Sebastian Binder  

Ich will nicht behaupten, dass Benn Finn eine ungewöhnlich laute Stimme hätte, aber Tatsache ist, dass während unseres Telefoninterviews die Lautsprecher meines Handys abgeraucht sind. Vielleicht lag es daran, dass wir so lange miteinander geredet haben, denn Benn hat tatsächlich etwas zu sagen und durchaus eine interessante Sicht auf so manche Entwicklung in der elektronischen Musikszene. Mangels Aufnahmemöglichkeit habe ich den zweiten Teil des Interviews also mit der Hand mitgeschrieben, eine Sache, die ich eigentlich nicht ausstehen kann, aber für Benn habe ich gerne mal eine Ausnahme gemacht. Und jedes Mal, wenn heute mein Smartphone ohne Klingelton vor sich hin vibriert, erinnert mich das für einen kurzen Augenblick an dieses Interview…

Erzähl‘ doch am Anfang mal ein bisschen darüber, wie Du überhaupt zur Musik gekommen bist.

Benn Finn: Ich war schon sehr früh als Kind von Musik begeistert, was sich wohl darin zeigt, dass ich schon als Zehnjähriger riesige Boxen und ein Mischpult hatte. Mein Vater hatte eine ziemlich ansehnliche Plattensammlung, vor allem Sachen wie Pink Floyd oder die Beatles, und das hämmert sich natürlich in Deinen Kopf, wenn so etwas läuft. Während der Schulzeit habe ich dann vorwiegend Hip Hop gehört, sowohl amerikanischem als auch deutschen. Mit elektronischer Musik bin ich damals selbstverständlich ebenfalls schon in Berührung gekommen, denn zu dieser Zeit war die Loveparade in Berlin ganz groß.

Wie hast Du die Musik auf der Loveparade damals empfunden?

Benn Finn: Rückblickend muss ich sagen, dass ich bei den ersten Loveparades, auf denen ich war, mit der Musik noch nicht wirklich viel am Hut hatte. Ich war dort in erster Linie zum Feiern, zwischen all den Freaks und durchgeknallten Leuten, das war schon spannend. Die Musik aber war zu diesem Zeitpunkt für mich zweitrangig.

 Playlist: Benn Finn on elektro-chronisten.de

httpv://www.youtube.com/playlist?list=PL4rTaAOKLemBApXwsf634jIAwAbUwCVRl


Wie bist Du dann selbst bei der elektronischen Musik gelandet?

Benn Finn: Den Anfang hat hier sicherlich das Nachtleben in Berlin gemacht. Ich war mit meinen Freunden immer auf der Suche nach neuen, interessanten Sachen. Clubs wie das Berghain, Bar 25 oder das Watergate waren der Wahnsinn und haben mich in dieser Hinsicht auf jeden Fall geprägt. Ich habe dann auch viel Zeit in Plattenläden verbracht und mir meine ersten Schallplatten von z.B. Pan Pot oder Dapayk gekauft, die mich auch bis heut inspiriert haben.

Wann hast Du Dir gedacht, dass Du auch mal selbst Musik in dieser Richtung produzieren könntest? Wie ist es dazu gekommen?

Benn Finn: Ich und meine Freunde waren viel in Clubs unterwegs. Je mehr ich in diese Welt eingetaucht bin, umso faszinierter war ich von ihr. Ich fing irgendwann an, mich zu fragen, wie funktioniert diese Musik, wie bekommt man das Zusammenspiel der Töne und Geräusche hin? Ich bin dann in meinem jugendlichen Leichtsinn einfach mal zur Musikschule um die Ecke und habe die Leute gefragt, wie man einen derartigen Sound macht. Doch die haben mir nur irgendwas von Noten und Beethoven erzählt und mir war ziemlich schnell klar, dass diese Leute mir nicht wirklich weiterhelfen können (lacht).

Ja, das kann man sich nur zu gut vorstellen.

Benn Finn: Was nicht heißen soll, dass ein gewisses Notenverständnis nicht hilfreich sein kann. Ich habe mich dann aber lieber mit Leuten aus der Szene zusammengetan, die diese Musik schon länger zelebrierten, die mir dann Tipps gegeben und mir die Grundlagen erklärt haben. Irgendwann bin ich dann auf Ableton gestoßen, habe mich mit der Anleitung hingesetzt und mir das Ganze von Grund auf beigebracht. Irgendwann entdeckt man, was für Möglichkeiten doch darin liegen und was für abgefahrene Dinge man damit machen kann.

Sehr schön, damit sind wir nun ja mittendrin. Wie würdest Du Deinen Sound beschreiben?

Benn Finn: Hm, das ist echt eine schwierige Frage. Ich denke, bis man tatsächlich sagen kann, das ist mein Sound, das ist tatsächlich charakteristisch, dafür muss man nach meinem Verständnis jahrzehntelang Musik gemacht haben, bis sich das einmal herauskristallisiert. Ich habe beim Produzieren immer das Gefühl, dass ich immer noch auf der Suche nach meinem Sound bin.

Okay, wie muss man es sich demnach vorstellen, wenn Du als Suchender in Deinem Studio sitzt?

Benn Finn: Wenn ich gerade an keinen konkreten Projekt arbeite, dann bin ich im Studio und spiele einfach ein bisschen herum. Ich suche in der Regel erst mal ein paar Sounds, Samples oder Loops, die inspirativ klingen, denn das macht mir eigentlich am meisten Spaß. Dann kommt es auch auf meine Stimmung an. Bin ich gut drauf, will ich das auch transportieren. Ist das Wetter draußen grau, mache ich lieber etwas Melancholischeres. Ich habe normalerweise keine konkrete Idee, ich lasse die Dinge auf mich zukommen, und schaue, was passiert.

Wenn Du nun beispielsweise Loop und Bassline hast, also die Grundlagen für einen Track gelegt sind, wie geht es dann weiter?

Benn Finn: Wenn ich eine Sequenz oder einen Loop habe, der mir zusagt, dann kommt einer der kompliziertesten Schritte, das Arrangement und die Frage: Was mache ich nun daraus? Dann beginnt eben die bereits erwähnte Suche wieder, nach einer passenden Melodie, Vocals und so weiter. Wichtig ist für mich, dass eine Idee hinter meiner Musik zu erkennen ist, ein schlüssiges Konzept, das in seiner Gesamtheit ineinander greift. Wenn man diese Vorgehensweise über einen längeren Zeitraum betreibt, dann sammeln sich auch viele Sachen, oft nur in Fragmenten an, die sich verwenden und im Idealfall zu einem kompletten Track verarbeiten lassen.

Wenn Du mit Matthias als Adler & Finn zusammenarbeitest, wie unterscheidet sich diese Vorgehensweise dann?

Benn Finn: Als wir damals unser Album produzierten, war es normalerweise so, dass jeder für sich zu Hause an seinen Ideen gefrickelt hat und wir uns einmal in der Woche getroffen und dann die Tracks gebaut haben. Im Endeffekt ist das ganze Album bei mir in der Wohnung entstanden, was durchaus ein interessanter Prozess war.

Wie siehst Du das Thema „Remixe“? Worauf kommt es Dir dabei an?

Benn Finn: Generell ist es ja mittlerweile so, dass man viele Remixanfragen bekommt. Das hat zur Folge, dass man meist nur noch kurz in die Sachen rein hört und man dann sofort irgendetwas finden muss, was einen kreativ animiert. Ich muss in einem Track etwas erkennen können, was mir zeigt: Da habe ich Lust drauf, etwas Neues daraus zu machen.

An welchem Punkt Deiner Suche bist Du denn nun angelangt? Wo siehst Du Dich momentan selbst als Musiker?

Benn Finn: Ich kann mich selber immer sehr schlecht einschätzen. Ich versuche gerade, mehr Individualität zu erreichen, denn ich glaube, dass das für mich persönlich, aber auch für die Leute interessanter ist, als irgendeinem Stil nachzueifern, der schon da ist. Auch wenn man zum Beispiel mit dem ganzen Editieren irgendwelcher Pop Songs schneller seinen Bekanntheitsgrad steigert. Ich denke, dass in mir noch viel mehr steckt, dass mein Sound somit auch noch sehr entwicklungsfähig ist.

Man darf also gespannt sein. Reden wir über das Thema DJing. Wie legst Du eigentlich auf?

Benn Finn: Momentan lege ich mit Cdj 2000 und USB auf. Aber auch Vinyl macht mir gerade wieder sehr viel Spaß und einige Vinyls befinden sich immer in meinem Koffer. Traktor finde ich allerdings ebenfalls sehr spannend, weil man damit einfach die meisten Möglichkeiten hat. Was mich hingegen gar nicht reizt, ist, mit Timecode zu spielen, denn was der Sinn dahinter sein soll, habe ich bis heute nicht verstanden. Generell kann ich sagen, dass es mir eigentlich extrem am A… vorbeigeht, mit welchem Medium ein DJ auflegt, solange der Sound stimmt und er auf die Leute vor sich eingehen und sie begeistern kann. Denn auf nichts anderes kommt es letztendlich an.

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Spielst Du selbst lieber in kleineren Locations oder würdest Du sagen, dass etwa große Festivals mehr Faszination auf Dich ausüben?

Benn Finn: Mir ist zunächst mal wichtig, dass die Organisation der Veranstaltung stimmt, dass der Umgang mit dem Veranstalter professionell ist. Es ist natürlich immer etwas merkwürdig, wenn man jetzt irgendwo in der Fremde spielt, keinen Menschen kennt, vor dem Auftritt allein im Hotelzimmer rumhängt. Aber letztlich kommt es weniger auf die Location als auf die Crowd an, wenn man sieht, wie die Leute abgehen, wie sie feiern, das ist das Beste. Aber klar spiele ich gerne in größeren Clubs oder auf Festivals, das hat auf jeden Fall einen ganz besonderen Reiz. Jeder Gig ist individuell.

Du hast mit Finn Records ein eigenes Label. Aus welcher Motivation heraus hast Du es gegründet?

Benn Finn: Der ausschlaggebende Grund am Anfang war sicherlich, dass mir schlicht die Connections gefehlt haben, um meine Musik in einer für mich vertretbaren Weise zu präsentieren. Ich wollte von mir selbst etwas in der Hand halten, sagen können, das ist mein Track und der ist jetzt auch veröffentlicht. Zudem kann man sich auf einem eigenen Label viel besser verwirklichen, man kann auch mal Sachen ausprobieren, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Es ist auch eine Plattform für andere Künstler und Freunde.

Wie sieht die Arbeit des Labelchefs Benn Finn also aus?

Benn Finn: Das ist an sich unspektakulärer als viele Leute wahrscheinlich denken und ich sehe mich nicht als Chef von irgendwas. Ich sitze an meinem vollgemüllten Schreibtisch am Computer, höre mir Promotracks an, schreibe E-Mails und Rechnungen, pflege Tracks ein, lade ständig irgendwelche Sachen hoch und runter, entwerfe Cover, suche auf Facebook und recherchiere den neuesten Szeneklatsch. Also 95 Prozent der Arbeit als „Labelchef“ verbringt man eigentlich am Computer. Man stellt sich dabei oft die Frage: Wie soll man das alles noch schaffen? Meine Antwort ist: Einfach immer dranbleiben, große Atempausen sind selten möglich.

Zum Schluss natürlich noch die obligatorische Frage: Was dürfen wir in Zukunft von Benn Finn noch alles erwarten?

Benn Finn: Kürzlich ist meine „Oil In The Ocean“ auf dem Label Monaberry erschienen, was mich wirklich sehr freut. Zudem kommt im Sommer die Finntastic Summer Compilation CD heraus. Davor habe ich eigene, wieder sehr tribellastige Tracks auf Finn Records releast und gerade habe ich noch einen Remix für Rich Vom Dorf fertiggestellt. Aber hauptsächlich konzentrieren wir uns im Moment ein bisschen mehr auf Finn Records. Wir haben viele neue Releases über den Sommer dazu bekommen mit jungen und dennoch tollen Künstlern. Wir haben Gigs als Finn Records Team spielen können, wo wir unsere Gagen in Promo wie Beutel und Aufkleber usw. verpulvert haben. Auch unsere Labelseite ist immer auf dem Laufenden zu halten mit Podcasts und einigen anderen Sachen, zum Beispiel ist eine Finn Records Instagram Seite dazu gekommen. Und nein, wir haben keine Facebook-Labelseite – na und? Das sind erst mal die unmittelbarsten Sachen. Auf weite Sicht möchte ich mich als Künstler stärker weiterentwickeln, die Qualität meines Sounds steigern und irgendwann mal ein Album herausbringen.

Fotos von Pedder Van Der Spree

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