Tinush: Der Pferdeschlangentrampler

Man sollte sich von dieser Überschrift nicht in die Irre führen lassen. Der Sound von Tinush ist alles andere als hilfloses Getrampel, sondern gehört momentan zum Besten, was der elektronische Newcomer-Markt derzeit zu bieten hat. Tinushs neue EP “Kinderspiel” ist eines der heißesten Eisen, das in letzter Zeit in den Elektroschmieden produziert wurde. Das Erfreuliche daran: Es ist bei weitem nicht sein Einziges.

Von Sebastian Binder  

Das Wort „Trampeln“ verbinden die meisten Leute wohl mit Krachmachen, irgendwie unangenehm, da unentspannt, irgendwie nervig, da unästhetisch. Pferde können trampeln, diese Behauptung ist wohl nicht zu weit hergeholt, obwohl Pferdefreunde natürlich eine große Ästhetik im Lauf ihrer Lieblingstiere sehen können und dürfen. Aber können Schlangen trampeln? Diese Assoziation werden bislang die wenigsten Leute hergestellt haben. Schlangen schlängeln, gleiten, „schweben“, aber trampeln? Wirklich nicht. Wie kommt man also auf einen derartigen Zusammenhang?

Beschäftigen wir uns zur Beantwortung dieser Frage einmal mit einem der heißesten Newcomer, den die deutsche Elektrobranche derzeit zu bieten hat: Tinush. Er ist zwar erst 22 Jahre alt, aber dennoch schon extrem weit vorne, was die Qualität seiner Soundproduktionen angeht. Das beweist er mit seiner nun bei Ton liebt Klang erschienenen EP „Kinderspiel“. Diese Scheibe gehört wohl zum Besten, was der deutsche Elektromarkt in jüngster Vergangenheit hervorgebracht hat und jeder, der auf gutgelaunte, antreibende, mal spaßige, mal subversivere Beats steht, sieht das mit Sicherheit genauso. Und hier sind wir auch schon mit dem ersten Track bei der Einleitungsassoziation angelangt: „Trampelpferd“. Bereits in den ersten Sekunden, wenn der Synthesizer beginnt zu brabbeln, fangen die Tanzgelenke unwillkürlich an zu zucken und man erwischt sich dabei, wie man vor dem Rechner die Hände in die Luft reißt und sich umgehend auf eine dampfende Tanzfläche wünscht. Die Nummer zieht dabei derart massiv an, dass man sich nur zu gut einen edlen Araberhengst vorstellen kann, der mit Höchstgeschwindigkeit durch die elektronische Landschaft prescht und dabei alles platt walzt, was sich nicht für elektronische Klasseleistungen interessieren sollte. Ein Trampelpferd also, ja, das macht Sinn. Nicht weniger massiv schiebt der zweite Track der Scheibe an und hier sind wir bei der Assoziation zweiter Teil: „Trampelschlange“. Man muss ungefähr 2:40 Minuten abwarten, um zu verstehen, wie der Titel gemeint sein könnte. Wenn die Schlangenmanipulierer-Melodie einsetzt, kann man sich Tinush nur zu gut mit irgendeinem flötenähnlichen Instrument vorstellen, wie er versucht, die Schlange beschwörend zu bändigen. Doch dann trampelt der Beat erneut alles nieder und man würde sich nicht wundern, wenn auch die Schlange davon in Mitleidenschaft gezogen wird. Trampelschlange, naja, irgendwie macht vielleicht also auch das Sinn.

Playlist: Tinush on elektro-chronisten.de

Die anderen drei Tracks der EP haben nicht nur dem Namen nach weniger mit Getrampel zu tun, sind aber trotzdem bärenstark. „Parallelum“ kommt deutlich entspannter daher und kann jedem empfohlen werden, der sich an einem finsteren Montagmorgen auf den Weg in die Arbeit macht und dem deshalb der Stress schon aus den Ohren läuft. Wenn man dann einen Tracktitel wie „Der Mönch und sein Kloster“ liest, dann ahnt man erst einmal nichts Gutes. Doch dieser Song macht so viel Spaß, dass man sich beinahe bildlich vorstellen kann, wie Mönche und Nonnen gemeinsam zu grooven anfangen und am Ende aufgrund des Sounds für ein paar Augenblicke zölibatäre Gedanken zur Seite legen und ihren lieben Gott mal während dieses Lieds nur einen guten Menschen sein lassen. Eigentlich wären diese vier Tracks für eine Super-EP bereits völlig ausreichend, doch Tinush hat sich entschlossen, noch einen drauf zu legen. Mit „Safari“ erwartet die Hörer ein weiterer Kracher, den man sich von A nach Z auf der Zunge zergehen lassen kann.

Das soll dabei aber keineswegs bedeuten, dass diese EP das einzige an anhörbaren Melodien ist, was Tinush je an seinem Rechner zustande gebracht hat. Bei seinem „Funfair“ ist der Name Programm und es bringt mit Sicherheit jede noch so depressive Crowd, die sich ansonsten nur für The Cure oder The Smiths interessiert, für ein paar Minuten zum Lächeln. Darüberhinaus ist Tinush ein äußerst großzügiger Mensch. Auf seinem Soundcloud-Account bietet er jede Menge Tracks zum kostenlosen Download an, von denen viele besser sind, als so manche Sachen, für die man reales Geld löhnen muss. Wer das nicht glaubt, der sollte sich einmal „Sommer ohne Kinder“, „Chinatown“, „Neon“ oder „Antithese“ anhören und anschließend sofort ein paar Megabyte Speicherplatz auf seiner Festplatte dafür freiräumen. Ohnehin der Souncloud-Account: Man muss sich fast die Augen reiben, wenn man sich ansieht, was für eine gigantische Anzahl an Tracks Tinush binnen eines Jahres produziert hat. Schläft der Junge eigentlich auch mal oder befindet er sich in einer permanenten Dauerwachinspirationsphase, in der die Tracks nur so aus ihm heraussprudeln? Den Fans kann es letztlich egal sein, solange sie Tinush weiterhin mit derartigen Krachern versorgt und beweist, dass Masse mit Klasse als Konzept durchaus möglich ist.

Auch als Remixer hat Tinush schon einige feine Kostproben seines Könnens abgeliefert. Seine beste Nummer ist dabei vielleicht seine Version von Eddy Grants „Electric Avenue“. Ebenfalls sehr gelungen ist sein Bootleg eines weiteren Klassikers der Musikgeschichte, nämlich Edwin Starrs „War“. Aber auch eher erwartbare Remixe wie die Tinush Edits von Compact Greys & Stereofunks „Glamarella“ oder von Wolfgang Lohrs „Affenstillstand Evolution“ sind sehr feine Nummern geworden, deren Konsum man sicherlich nicht bereuen wird.

Am Ende bleibt nur zu sagen, dass man sehr gespannt sein darf, wohin die Reise mit Tinush geht. Doch die S.F.B.-Crew wird schon dafür sorgen, dass Tinush unter Leute kommt. Und wenn er in Zukunft weiterhin so starke Sachen veröffentlicht wie sein Kinderspiel-Getrampel, dann werden alle Fans noch eine Menge Freude an diesem Pferdeschlangenbeschwörer haben…

Bild 1: Tinush

Bild 2: This is where the magic happens… Tinushs Prodkutionsstation

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8 Gedanken zu “Tinush: Der Pferdeschlangentrampler

  1. seine musik ist wirklich sehr Facettenreich und läd zum tanzen ein. gute Produktionen, mit viel liebe zum Detail.
    nur verstehe ich eines nicht, warum haben es manche leute dann nötig, nicht durch ihre Musik zu glänzen, sondern durch gekaufte like´s und play´s auf soundcloud???
    schade das man in zeiten von marketingtools etc. als user, Hörer und fan von manchen so verarscht wird. aber viel trauriger ist eigentlich, das diese leute sich nur selber betrügen.

    • Zunächst einmal teile ich Deine Einschätzung, was Tinushs Musik betrifft. Aber wen genau meinst Du mit dem zweiten Teil Deines Kommentars? Oder ist das nur eine allgemeine Feststellung? Falls ja, dann ist sie ebenfalls hin und wieder zutreffend, auch wenn ich es selbst ebenso schade finde. Doch man sollte die Macht von “Likes & Plays” nicht unterschätzen. Es ist durchaus ein Unterschied, ob man 5.000 Likes oder 10.000 Likes auf seiner Fanpage hat. Nicht nur für das eigene Ego, sondern auch für Booker und Veranstalter…

  2. Moin moin, kurz ein Wort zu gekauften likes..Tinush ist ein Ausnahmekünstler, der keine kommerziellen Absichten hat. Seine Tracks stellt er als Free Download zur Verfügung und er spielt auch nur maximal 3x pro Monat auf Veranstaltungen. Wir von soundsforberlin sind als undergroundlabel auch nicht an kommerzieller Werbung interessiert.

    • Das sehe ich auch so. Ich hatte den vorherigen Kommentar allerdings auch nicht so verstanden, dass er sich auf Tinush bezieht. Aber vielleicht kann der Verfasser dieses ersten Kommentars hier nochmal Licht ins Dunkel bringen, was er (oder sie) genau wie meint?

  3. ich hatte meinen Kommentar schon auf tinush bezogen. es ist erstaunlich wieviele facebook like´s und play´s auf soundcloud zusammen kommen in kürzester zeit. andere künstler die schon jahrelang am markt sind, haben keine solch hohe fluktraktion auf ihren Profilen. und man sieht es sehr deutlich an dem Verhältnis “follower-play´s-comments”. wenn ich auf einen track 20.000, 50.0000 oder 100.000 plays habe, dann müssten es verhältnismässig sehr viele comments sein. wenn ich auf meiner facebook fansite prozentual mehrere like´s aus südamerikanischen ländern habe, obwohl besagten künstler dort nicht mal kennt, dann ist auch das sehr komisch (stern tv hats bestens bewiesen). klar schauen viele veranstalter und booker auf like´s und play´s, aber wenn diese erkauft sind, finde ich das eine frechheit gegenüber anderen Künstlern die dieses nicht machen. klar leben wir in einer marketing regierten Branche und auch das erkaufen von plays und likes ist marketing, aber man sollte durch sich, durch seine Musik auffallen. und leider sieht und bemerkt man dieses Phänomen in letzter zeit bei sehr sehr vielen jungen neuen Künstlern. SCHADE!!!

    wie gesagt, seine Musik ist ein Hammer, aber alles andere ist “jedenfalls für mich” mit einem faden beigeschmack behaftet. aber da soll sich jeder sein eigenes urteil drüber bilden.

  4. Hallöchen,
    vorab ein Lob an den Autor des Artikels: ERSTE SAHNE!!
    Ich kenne Tinush schon seit meiner Kindheit und habe auch das Cover für “Kinderspiel” entworfen.
    Deswegen würde ich mich auch gerne zu den gekauften Likes äußern. Es ist natürlich wahr und Realität in diesem Buisness. Aber ich muss Tinush in Schutz nehmen: Da ich in sehr engen Kontakt mit Ihm stehe, weiß ich dass er keine gekauften likes oder follower hat. Und er hat auch nicht vor so etwas zu arrangieren.
    Mir gefällt seine Musik auch sehr gut, obwohl ich größtenteils Hip Hop höre.
    Ich hoffe er kommt mal groß raus :-)

    Danke fürs zuhören und schaut mal auf meiner Facebook Seite vorbei und lasst ein Like da :-P PP
    facebook.com/pinakokunst

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