Kanzler & Wischnewski: Die Völkerverständiger

Seit 2009 sorgen zwei Musiker in der deutschen Elektrowelt ordentlich für Aufsehen. Eric Kanzler & Andree Wischnewski haben als Kanzler & Wischnewski schon einige starke Tracks und Remixe auf den Markt geworfen. Von ihren pulsierenden Liveauftritten einmal ganz zu schweigen. Kann es daher sein, dass diese beiden Künstler mit ihrem Sound sogar einen Beitrag zur Völkerverständigung unter den Eingeborenen Deutschlands leisten?

Von Sebastian Binder  

Es gibt diese Geschichte mit den Gegensätzen. Manche behaupten, sie ziehen sich an, aber der Normalfall ist wohl doch, dass sie sich eher abstoßen, was wahrscheinlich vor allem auf diese merkwürdige Spezies namens Menschen zutrifft. Und bei welcher Gattung Mensch könnte die Gegensätzlichkeit wohl größer sein als bei einem Bayer und einem Berliner? Der eine schuhplattelt nach einem langen Arbeitstag auf den Feldern und im Stall seinem Feierabendbier entgegen, während der andere dieses (erste) Bier schon sieben Stunden früher getrunken hat, da in seiner Plattenbausiedlung Arbeit ohnehin ein Fremdwort ist. Während der eine über die Schönheit des Alpenglühens jodelt, schaut der andere verächtlich auf all die Provinzspinner, bei denen die antreibende Hektik der Hauptstadt in der Regel einzig und allein Angstschweiß verursacht. Wie sollen sich zwei Menschen aus diesem Klischeebilderbuch also jemals verstehen können?

Dass das entgegen aller vermeintlichen kulturellen Unterschiede durchaus funktionieren kann, zeigen Eric Kanzler und Andree Wischnewski. Erster kommt dabei aus dem bayerischen Nürnberg. Gut, die Oberbayern würden nun natürlich sofort aufschreien, dass Franken nichts, aber auch wirklich gar nichts mit Bayern zu tun hat. Aber wir behalten einfach einmal die geographischen Landesgrenzen im Auge und bleiben bei der Aussage, dass Eric Bayer ist. Damit die Einleitung einen Sinn ergibt, ist es somit nur logisch, dass Andree demnach aus dem Osten Berlins kommt. Zu einer ersten völkerübergreifenden Verständigung kam es der Legende nach 2009 zwischen den beiden, als sie als Solokünstler schon einige Jahre aktiv waren. Und trotz ihrer möglichen Gegensätzlichkeit beschlossen die beiden, ab diesem Zeitpunkt gemeinsame Sache zu machen. Die erste Veröffentlichung folgte 2010 und mit ihrer 2011 erschienen „About Me“ EP ist ihnen das gelungen, was in der Musikwelt gerne als Durchbruch bezeichnet wird.

Playlist: Kanzler & Wischnewski on elektro-chronisten.de

Aber wie hört es sich nun an, wenn ein Berliner und ein Bayer gemeinsam musizieren? 150 schranzige Beats pro Minute, die mit einem Hackbrett begleitet werden? Zugegeben, vielleicht hätte das sogar etwas, aber ganz so gestaltet sich der Sound von Kanzler & Wischnewski dann doch nicht. Ein roter Faden ihrer Tracks ist der in der Regel geradlinige, minimalistisch angehauchte Beat, der dann mit nicht unkomplexen Melodien angereichert und durch ziehende Bässe verstärkt wird. Sehr gut zu hören bei ihrer Nummer „Summer Rain“, die zwar schon letztes Jahr auf Ostfunk Records erschienen ist, die man aber auch in diesem Sommer noch problemlos auflegen kann, wenn man einen entspannten Nachmittag am See verbringen möchte. Ein weiteres Merkmal des Kanzler & Wischnewski-Sounds sind die spanisch-mexikanischen Einflüsse, derer sie sich gerne in ihrer Musik bedienen. Wer sich davon einmal überzeugen möchte, der sollte sich eine ihrer vielleicht besten Nummern anhören: „Adios Mama Carlotta“. Man kann den armen mexikanischen Mariachi beinahe sehen, wie er verzweifelt „Adios, Mama Carlotta, adios, adios, adios…“ singt, nur um dann vom Kanzler & Wischnewski-Berserkerbeat brutal über den Haufen gefahren zu werden. Ein Hinhörer und -gucker ist übrigens auch das Video zum entsprechenden Remix von Lizzara & Tatsch (7. Lied in der Playlist). Hingucker natürlich nur wegen der äußerst intelligenten Geschichte des Videos und nicht wegen der nicht unansehnlichen „Mama Carlotta“ selbst. Ja, diese Mama Carlotta, verdammter Thomas Lizzara, der… Moment, worum ging’s in diesem Text? Richtig, Kanzler & Wischnewski. In eine ähnliche Kerbe schlägt ihr Track „El Mariachi“, der die bekannte Melodie aus „Desperado“ sampelt und mit dem sicherlich auch Antonio Banderas nicht unzufrieden wäre. Wer jetzt, verständlicherweise, immer noch nicht genug hat, der sollte seinen Bundeskanzler & Staatssekretär-Konsum womöglich noch mit „Volture“, „Jazzy Groovie“, „The Beast“ und „La Bruja“ abrunden.

Auch als Remixer hat das bayerisch-berlinerische Gespann schon auf sich aufmerksam gemacht. Sicher, es gibt wohl kaum ein Lied in der elektronischen Musikwelt, das so oft geremixed wurde wie Pleasurekrafts „Tarantula“, doch die Kanzler & Wischnewski-Version sticht dennoch aus dieser Flut heraus, denn sie verleiht diesem Monstertrack ein angenehm dunkles Flair, sodass man sich dieses Edit durchaus nochmal zu Gemüte führen kann, selbst wenn man das Original längst totgehört hat. Eine weitere witzige Nummer ist ihre Version von Technotronics Klassiker „Pump Up The Jam“ geworden, die den Smashhit aus den 1990ern selbstbewusst ins Jahr 2013 transportiert. Ebenfalls richtig gelungen ist ihr Remix von Superstrobe vs. Djokers „Collab“ oder ihr Edit von Band of Horses’ „The Funeral“. Und dann gibt es selbstverständlich noch ihre epische Version von Reebots „Caminado“, die man auf keinen Fall verpassen sollte. Allerdings sollte man sich dafür etwas Zeit nehmen, denn das gute Stück pumpt und zieht und drückt fast eine Viertelstunde lang.

Zu guter Letzt muss man natürlich auf eine der größten, vielleicht sogar die größte Stärke von Kanzler & Wischnewski eingehen: Ihre Liveauftritte. Nicht zurückhaltend, aber durchaus berechtigt schreiben sie in ihrer Biographie: „Die wahre Dynamik des Duos zeigt sich vor allem bei ihren energetischen Gigs, die eine extravagante Mischung aus DJ-Set und Live Act bilden. Wer ein Kanzler & Wischnewski-Set besucht, sollte Ausdauer und offene Ohren mitbringen, denn mit Schnellschüssen geben sich beide nicht zufrieden.“ Richtig, und richtig ist auch, dass ein Kanzler & Wischnewski-Set schon mal ausarten kann und sich dann über mehrere Stunden erstreckt, Playtime hin, Playtime her. Am Ende freut man sich doch manchmal darüber, dass es nicht alle Deutschen mit der hochgelobten Pünktlichkeit so genau nehmen.

Man sieht also: Gegensätze müssen sich nicht zwangsläufig abstoßen. Hin und wieder liegen sogar ein Bayer und ein Berliner auf einer Wellenlänge und heraus kommen äußerst anhörbare Soundsymbiosen. Also, ihr Kanzlers und Wischnewskis, bitte mehr dieser Beiträge zur Völkerverständigung!

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