Adler & Finn: Prädikat “Extrafrisch”

Matthias und Benn, besser bekannt als Adler & Finn haben in den letzten Jahren so einige starke Tracks in den elektronischen Massenmarkt eingebracht. Ob sie nun auf Bootstour in Shanghai sind oder mit Paolo durch Gabun reisen, beste musikalische Unterhaltung ist auf all diesen Trips garantiert. Kein Wunder, dass manche Menschen sogar ihre Flitterwochen mit den beiden Technovögeln verbringen wollen.

Von Sebastian Binder  

Die Chosen Two haben einmal in einem Interview mit elektro-chronisten.de erzählt, dass sie ihren Namen deshalb gewählt haben, weil sie keine Lust auf dieses Deutscher-Vor-und-Nachname-Hipster-Prinzip hatten. Man kann diese Argumentation der auserwählten Zwei durchaus verstehen, denn manchmal ist diese Namenswahl, und sei es nur der Geburtsname, tatsächlich etwas merkwürdig (nein, es gibt jetzt keine Beispiele). Aber hin und wieder klingt es auch richtig gut, wie Matthias Adler und Benn Finn beweisen. Adler & Finn, das könnte auch eine edle Uhrenmarke oder ein sündhaft teurer Champagner sein, ein Oldtimerhersteller oder ein exklusiver Möbelversand.

Nun ja, zum Glück für uns ist nichts von alledem zutreffend, denn Matthias und Benn stellen hauptsächlich eine Sache her: Guten, unverfälschten Sound und das ist doch ebenfalls ein Produkt, mit dem man sich anfreunden kann, zumal es für den Konsumenten letzten Endes deutlich billiger als die oben genannten Dinge ist, oder? Um das nicht falsch zu verstehen, ihre Musik kommt dabei keineswegs aus der Ramschecke, aus dem Regal mit den bereits abgelaufenen Sachen. Vielmehr sollte man lieber im Bereich der Produkte mit dem Prädikat „extrafrisch“ suchen, wenn man die Supermarktanalogie noch ein bisschen weiter bemühen will.

Playlist: Adler & Finn on elektro-chronisten.de

Nehmen wir, um diese These zu untermauern, das superbe „Shanghai Bootstour“ als Beispiel. Schon der Shuffle-Beat hebt es wohltuend aus der elektronischen Masse hervor, aber die chinesischen Einflüsse, allen voran die Hirnrinden zerteilenden Streicher, machen es tatsächlich zu einem besonderen Genuss. Dann noch ein paar Kampfschreie aus einem Martial-Arts-Film hineingesampelt und fertig ist ein Track, den man sich bei einer Fahrt auf dem Huangpu-Strom durchaus mal durch die Ohren fließen lassen kann. Erschienen ist diese Nummer im Rahmen ihres ersten, auf Supdub veröffentlichten, Digitalalbums mit dem Titel „Through My Fingers“. Hierauf finden sich im Übrigen weitere schöne Nummern wie das swingige „Bernardo“, das treibende „Will I Hope“, das verspielte „Flute Tree“ oder das nach spanischer Nacht klingende „El Esito“. Insgesamt ist das ganze Album äußerst gelungen und nach dem Durchhören fragt man sich, warum es eigentlich nur in digitaler Form veröffentlicht wurde. Denn Adler & Finn haben schon zuvor bewiesen, dass sie durchaus ein Händchen für feine elektronische Musik haben, die nicht nur in den heimischen vier Wänden, sondern auch im Club richtig nach vorne geht. Man höre sich nur mal das exotisch-verspulte „Two Traveler“ an, zusammen mit den nicht minder guten „Gabun“ und „La Manga“, auf der gleichnamigen EP erschienen. Oder eine ihrer vielleicht besten Nummern: „Paolo“. Vor allem bei diesem Track hört man die Freude am Produzieren heraus und wer sich als Hörer bei diesem Track ein Lächeln verkneifen kann, sollte sich dringend einmal wegen elektronischer Freudlosigkeit behandeln lassen.

Wenn die beiden mal auf remixende Streifzüge gehen, so kann man sich als Freund des wirren Technogestampfes ebenfalls sicher sein, dass hier ein paar gelungene Neumischungen das Licht der Tanzwelt erblicken. Um diesen Eindruck zu bestätigen, sollte man sich vielleicht zunächst einmal den Adler & Finn Remix von Martin Dacars „Girls Night“ auf der Zunge zergehen lassen. Versehen mit einem dunklen Schub, der dennoch haltlos über die Tanzfläche brennt und mit Sicherheit (fast) jeden Frauenabend in eine wilde, zügellose Party verwandelt (zugegeben, ein Klischee, aber stellen wir Männer uns nicht genau das vor, wenn die Frauen ohne uns Langweiler auf die Piste gehen?). Ebenfalls ein starker Track ist ihre Neumischung von Mirco Niemeiers „Night Call“ und vor allem die geniale Panflötenmelodie lädt zum Mitgrooven ein, ganz so, als hätte man in den Straßen Limas zu viel Sonne erwischt. Wer jetzt noch nicht genug an der Remixtheke herumgehangen hat, dem sei vom Händler Ihres Vertrauens noch die adlerfinnsche Interpretation von Bengel & Boschs „Fartwind“ empfohlen, die mit einem ordentlichen Schuss Trompete daherkommt, wie es der Genussstampfer von heute eben mag.

 

Wie man nun wahrscheinlich gesehen und gehört hat, funktionieren Matthias und Benn als Team wirklich gut, aber auch solo haben die beiden einiges zu bieten. Benn betreibt seit mehreren Jahren das Label Finn Records, auf dem er zuletzt unter anderem sein eigenes Album „Go Wild“ veröffentlicht hat. Wenig überraschend, dass sich auch hier das Reinhören einmal lohnt, denn bei den zehn Tracks sind einige Songs dabei, die das Potential haben, bei Freunden der elektronischen Tanzmusik auf Heavy Rotation zu laufen, wie zum Beispiel das schubverkündende „My Risk“ oder das trommelfellzerfetzende „Wake Up“, das garantiert jeden Morgenmuffel auf Anhieb aus dem Bett reißt. Auch Matthias hat als Soloadler schon ein paar schöne Sachen an den Start gebracht wie etwa sein ziemlich deftiges „Go Through“ mit Henriettas Park.

Dennoch tritt man den beiden wohl nicht zu nahe, wenn man sagt, dass man sie als DJs am liebsten im Team hört. Hört man sich ihr neuestes Set „Honeymoon“ an, dann weiß man, dass man seine elektronischen Flitterwochen am liebsten mit beiden zusammen verbringt, denn was wäre die vermeintlich schönste Zeit des restlichen Lebens ohne den entsprechenden Soundtrack?

Mal sehen, was die Zukunft nach diesen Flitterwochen bereithalten wird, welche neuen Kinder Benn und Matthias zur Welt bringen und in welcher Ecke des Tanzbazars diese dann feil geboten werden. So viel kann man wohl prophezeien: Sollte es keinen massiven Qualitätsverlust geben, dann dürfte wohl auch ihren neuen Tracks das Prädikat „extrafrisch“ verliehen werden. Wir wollen es hoffen. Und falls nicht können sie mit diesem Namen ja immer noch Champagner, Oldtimer oder Möbel herstellen…

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